Offene Materialien zur
Diskussion um Bert Hellinger
Stellungnahme von Bernd Isert zur Diskussion um Bert
Hellinger
Potsdamer Erklärung zur systemischen Aufstellungsarbeit
Offener Brief von Arist von Schlippe an Bert
Offener Brief von Dr. Bertold Ulsamer an Dr.
Arist von Schlippe
Offener Brief von Thies Stahl an Arist von Schlippe
Offener Kommentar von Gottfried Hutter zur
Potsdamer Erklärung
Bert Hellinger, Adolf Hitler und der
Nationalsozialismus - von Wilfried Nelles
Der ARD-Bericht über Bert Hellinger
Die
Veröffentlichung dieser von Bernd Isert zusammengestellten Beiträge ist von
den Autoren legitimiert.
Reflektionen zur Diskussion
um Bert Hellinger
Bernd Isert, Juli 2004
Die Entwicklung im
Zusammenhang mit der Arbeit von Bert Hellinger,
den Medienberichten und der Reaktion von Kollegen hat mich wie viele andere
beschäftigt, auch wenn sie durchaus vorhersehbar war. Ein wenig "von außen"
betrachtet sehe ich die bedauerlichen Wirkungen missverständlicher
Kommunikation ihre Kreise ziehen.
Ich bin mir sicher,
dass Bert wertvolle Muster und Wege aufgezeigt hat, um Lösungen für
Probleme in sozialen Systemen, insbesondere in Familien, zu finden. Und ich
glaube auch, dass er dabei die besten Absichten hatte und hat.
Nicht alle seiner
Lösungsangebote aber sind für die Betroffenen (was ich aber nicht erforschen
konnte) oder für die Beobachtenden in einer gegebenen Situation verständlich
oder annehmbar. Auch dies ist eigentlich natürlich. Deshalb möchte ich mich
auf ein von mir sehr geachtetes Grundprinzip beziehen: Jenes, dass es für
jeden Menschen und jede Veränderungsphase, in der er sich befindet,
unterschiedliche Wege Wahlmöglichkeiten gibt und geben sollte, ob diese
vielleicht später einmal in eine ähnliche Richtung, z.B. nach Rom, führen
oder nicht. Wenn wir die Lösungsangebote von Bert tatsächlich als
Wahlmöglichkeiten verstehen, nicht als den einzig richtigen Schritt, wäre es
ebenso schade, sie auszugrenzen, wie, sie zum Patentrezept werden zu lassen.
Die Verallgemeinerung
aber von durchaus missverständlichen Vorschlägen und Ihre Anwendung auf
Situationen und Menschen, welche gerade innerlich "anderswo" sind, führt zu
eben jenen Widersprüchlichkeiten, die wir heute erleben.
Wenn Medien Sätze von
Bert Hellinger zitieren, für deren tieferes
Verständnis vielleicht das Studium des Taoismus, Hegels oder der Bibel
erforderlich wäre, werden gutgläubige Menschen zur Verketzerung getrieben.
Auffallend in diesem Zusammenhang ist es, dass die kritischen Medienberichte
ausschließlich negative Fälle und Wirkungen von Aufstellungen nach
Hellinger zitieren, während in Kreisen Bert
Hellingers nur positive Wirkungen dargestellt
werden. Könnte es sein, dass da auf beiden Seiten etwas fehlt und dass, ganz
einfach, die angebotenen Lösungsvorschläge abhängig von bestimmten
Bedingungen unterschiedliche Wirkungen haben? Und wäre es dann nicht
sinnvoll, die Merkmale herauszuarbeiten, die diesen Unterschied ausmachen
und so eine höhere Wirksamkeit zu ermöglichen? Ich denke z.B. an folgende
Wirkungsfaktoren:
- Alle
Lösungsangebote für den Klienten und die Stellvertreter sollten als
reine Wahlmöglichkeiten verstanden werden, nichts darf aufgezwungen
werden, auch wenn ein Angebot aus Sicht des Aufstellungsleiters der
beste Weg wäre. Der Klient und die Stellvertreter entscheiden, welcher
Schritt und Weg zu einem Zeitpunkt möglich und hilfreich ist.
- Der Stil der
Arbeit und die Beziehungsform zwischen Aufstellungsleiter und lernendem
System (Klient und Stellvertreter) stehen in enger Beziehung mit den
Mustern des Klienten, können diese bestätigen, verstärken, verhärten
oder aufweichen und verändern. Eine Bewusstheit darüber ermöglicht es,
einen solchen Stil und eine solche Beziehungsform zu wählen, welche den
Lernprozess fördert. Wo dies nicht geschieht, ist der Stil für die einen
ideal, für andere contraindiziert.
- Bevor ein neuer
Schritt vollzogen werden kann, ist es nötig, dass der/die Beteiligte
Zugang zu den Ressourcen findet, die er/sie für diesen Schritt benötigt.
Deshalb sind die verschiedenen Formen der Abbrüche als Ressourcearmut
einzelner Beteiligter oder des ganzen Systems zu interpretieren Wenn
jemand etwas nicht tun, zulassen, geben oder nur anschauen kann, besteht
die Arbeit aber darin, die erforderlichen Ressourcen zugänglich zu
machen, oft auch Sicherheit, Akzeptanz und Vertrauen aufzubauen.
- Die Angebote des
Aufstellungsleiters sollten durch ständiges, sinnlich prüfbares Feedback
auf die aktuelle Situation des Klienten-Systems zugeschnitten sein,
Muster aus früheren Arbeiten dürfen nicht ungeprüft auf eine aktuelle
Arbeit übertragen werden.
- Stets sollte
der/die Lösungssuchende darüber informiert werden, dass ihm/ihr noch
andere Wege zur Verfügung stehen, ja dass diese oft als Voraussetzung
oder Ergänzung einer Aufstellungsarbeit wichtig sein können Ich denke
nur an die vielfältigen Möglichkeiten zur Lösung emotionaler und
traumatischer Blockaden, wie sie die Kinesiologie,
die systemische Kurzzeit-Therapie, das NLP oder spirituelle Wege
bieten.
Nun bin ich nicht
sicher, ob Bert selbst die Idee der Wahlmöglichkeiten für Lösungswege
anerkennt und kommuniziert, erlebe aber, dass er den Eindruck erweckt, es
gäbe nur diesen oder jenen von ihm gesehenen Lösungsweg. Unsere Erfahrung
besagt jedoch, dass in unterschiedlichen Prozessstadien oft auch sehr
unterschiedliche Ausdrucksformen und Schritte wichtig sein können,
insbesondere wenn starke Emotionen wirken.
Es sollte noch viel
bekannter werden, dass eine Mehrzahl von Aufstellern diese oder ähnliche
Rahmenbedingungen erforschen und dass sich aus dieser Forschung heraus die
Aufstellungsarbeit kontinuierlich weiterentwickelt. Insofern gehört es zur
Unseriosität der Berichterstattung in den Medien, dies zu verschweigen und
jegliche Aufstellungsarbeit mit dem Ansatz von Bert Hellinger gleich zu setzen.
All dies rechtfertigt
dennoch keine Verketzerung Bert Hellingers,
lediglich ein differenziertes Unterscheiden dessen, was wir von ihm lernen
können und was nicht. Auch wenn Bert nur in Teilbereichen und für einen Teil
der Klienten sinnvolle und hilfreiche Lösungsmuster anbieten könnte, selbst
wenn es nur einzelne Fälle beträfe (es scheinen aber deutlich mehr zu sein),
gebietet es das menschliche Streben nach Erkenntnis und Weiterentwicklung,
derlei Lösungen zu würdigen, zu erforschen, und die darin wirksamen Muster
all jenen verfügbar zu machen, denen sie nutzen. Was, wenn es einen Arzt
gelänge, nur fünf Prozent von Aids-Erkrankungen auszuheilen: Wäre dies nicht
eine Sensation und höchste Anerkennung wert? Und wie, wenn dies als
Grundlage von Forschungen genutzt werden könnte, deren Ergebnisse noch viel
mehr Menschen helfen können?
Ich achte den Mut und
die Intuition Berts, den Lösungssuchenden auch mit verdrängten und
unbequemen Zusammenhängen und Lebensthemen zu konfrontieren. Gerade im
Ausgeblendeten liegt viel Lösungspotenzial. Berts oft anweisende Art, dies
zu tun, erachte ich oft nicht als hilfreich.
Im Bereich der
Opfer-Täter-Lösung denke ich an den durchaus biblischen Ansatz, beide Seiten
in den Prozess einzubeziehen, sie in ihrem unvollkommenen Mensch-Sein
anzunehmen, was natürlich gerade in den furchtbaren Fällen aus der deutschen
Geschichte sehr missverständlich aufgenommen werden kann. Ebenso
missverständlich, wie ein Anwesen zu erwerben, in welchem früher Zerstörung
betrieben wurde - doch einen solchen Ort zu wählen, um dort
Versöhnungsarbeit zu leisten, kann sehr heilsam sein. Auch hier wundert mich
die Einseitigkeit der Medien, die derlei Aktivitäten Bert
Hellingers als Beweis einer "braunen Gesinnung"
sehen möchten, seine der Versöhnungsarbeit dienenden Aufenthalte in
Auschwitz oder in Israel dagegen vollständig ausblenden.
So pflanzt sich ein
großes Missverstehen fort. Quotenorientierte Medien machen aus den Dingen
etwas anderes, Bedeutungsebenen werden vermischt, es wird polarisiert statt
integriert, was Stimmung machen kann, wird propagiert, Verurteilungen sind
die Folge.
Eine alleinige
Abgrenzung von Bert Hellinger ändert nichts am
großen Missverstehen, zementiert es eher, und legitimiert unkundige oder
enseitige Medienvertreter. Deshalb ist sachliche Aufklärung so wichtig:
... Welche
Wahlmöglichkeiten der Lösungsfindung stehen zur Verfügung?
... Wie ist sind die
einzelnen Interventionen gemeint?
... Unter welchen
Bedingungen wirken sie? ...Wann und für wen sind sie annehmbar?
... Was sind ihre Chancen
und Grenzen?
... Wie können sie
ergänzt und weiterentwickelt werden?
Die sich weiter
entwickelnde Methode darf nicht mit den persönlichen Stärken und Schwächen
eines Forschers identifiziert werden.
Auch die Kritik an
Bert Hellinger kann eine systemische Reflektion,
vielleicht eine Aufstellung, gut gebrauchen: Führt sie zur Polarisierung und
Ausgrenzung oder in den Dialog? Spiegeln sich die kritisierten Muster, z.B.
"Härte" und "Autorität" auch im Vorgehen des Kritikers? Können wir uns
bewusst machen, inwieweit wir durch unsere Haltung und unser Verhalten
Muster fortsetzen oder verändern? Was braucht beispielsweise Bert in dieser
Phase? Sicher keine Anbetung und sicher keine Verketzerung, das wäre bloß
eine Wiederholung alter Muster. Und was brauchen wir selbst, unsere Kunden
oder die Öffentlichkeit?
Ich bin mir sicher,
dass systemische Simulationsverfahren, ob durch menschliche Repräsentanten,
Figuren oder sogar am Computer, ein zukunftsweisendes Lösungsmodell
darstellen, mehr noch, dass sie die wichtigste Weiterentwicklung der letzten
Jahrzehnte sind. Und ich glaube, das diese Muster unter welchem Namen auch
immer die bisherige Coaching- und Beratungstätigkeit revolutionieren
können.
Heilsam wäre es, wenn
den konstruktiven Ansätzen Berts, ebenso wie ihm als (unvollkommenem)
Menschen ein angemessener Platz im Raum der Veränderungspioniere zuteil
wird, neben vielen anderen. Dies im Dienste des größeren Systems, in dem wir
unsere tägliche Aufstellung leben.
Bernd Isert
Potsdamer Erklärung zur systemischen
Aufstellungsarbeit
Die Arbeit mit
szenischen Darstellungen und Aufstellungen hat in der Familientherapie und
der systemischen Therapie eine lange Tradition. Sie wurzelt
u.a. in therapeutischen Techniken, wie sie in
der Familienskulpturarbeit oder im Psychodrama entwickelt wurden. In der von
Bert Hellinger praktizierten Form ist sie in
breiteren Kreisen als jemals zuvor bekannt geworden. Bedauerlicherweise hat
sich Hellinger dabei immer mehr von der originär
systemischen Arbeit entfernt. Hellingers
Verdienst bleibt es, dazu beigetragen zu haben, die Aufstellungsarbeit zu
verdichten. Vor allem was die mögliche Auflösung von Verstrickungsdynamiken
anbetrifft, hat er neue und innovative Vorgehensweisen entwickelt. Heute
sehen wir jedoch den Punkt gekommen, an dem nicht nur wesentliche Teile der
Praxis von Bert Hellinger - und vieler seiner
Anhänger - , sondern auch viele seiner Aussagen
und Vorgehensweisen explizit als unvereinbar mit grundlegenden Prämissen
systemischer Therapie anzusehen sind, etwa
- die Vernachlässigung jeder Form von
Auftragsklärung und Anliegenorientierung
-
die Verwendung mystifizierender und
selbstimmunisierender Beschreibungen ("etwas
Größeres", "in den Dienst genommen" u.ä.)
- die Nutzung uneingeschränkt
generalisierter Formulierungen und dogmatischer Deutungen ("immer, wenn",
"schlimme Wirkung", "mit dem Tode bestraft", "der einzige Weg", "das Recht
verwirkt" u.ä.).
-
der Einsatz potentiell demütigender
Interventionen und Unterwerfungsrituale
-
die angeblich zwingende Verknüpfung
der Interventionen mit bestimmten Formen des Menschen- und Weltbildes (etwa
in Bezug auf Genderfragen, Elternschaft,
u.a.)
-
die Vorstellung, über eine Wahrheit
verfügen zu können, an der eine Person mehr teilhaftig ist als
eine andere. Dies führt zu der Verwendung verabsolutierender
Beschreibungsformen und impliziert, dass keine partnerschaftliche
Kooperationsbeziehung angestrebt wird.
Im Gegensatz dazu
beziehen wir uns auf viele Beispiele und Ausdifferenzierungen von
Aufstellungsarbeit, die im Rahmen eines systemisch-konstruktivistischen
Therapieverständnisses und vor dem Hintergrund einer tragfähigen und
verantwortlichen therapeutischen Beziehung durchgeführt wird. Wir verstehen
diese als konstruktive Versuche, dieses bereits bewährte therapeutische
Werkzeug weiter zu entwickeln und auch, es zunehmend mehr wissenschaftlicher
Überprüfung zu unterziehen. Insofern wehren wir uns auch gegen
undifferenzierte Kritik an dieser Form von Praxis. Aufstellungsarbeit
"jenseits von Hellinger" sollte sich als
therapeutisches Instrument weiterentwickeln, doch die enge Verbindung mit
seinem Namen ist heute nicht mehr aufrechtzuerhalten.
Im Juli 2004
Zu den Unterzeichnern
gehören unter anderen Dr. Arist von Schlippe,
Sparrer und
Prof. Matthias Varga von Kibed.
Eine Liste aller
Unterzeichner ist auf der Homepage der Systemischen Gesellschaft zu finden
www.systemische-gesellschaft.de.
Wenn Sie diese
Erklärung unterstützen wollen, bitte E-Mail mit Name, Anschrift,
Unterschrift an:
schlippe@uos.de
Offener Brief von Arist von Schlippe,
Vorsitzender der Systemischen Gesellschaft, an Bert
Hellinger
2.5.04
Lieber Bert,
diesen Brief zu schreiben, fällt mir sehr
schwer, aber es muss sein. Ich schreibe ihn auch als "offenen Brief", weil
er nicht nur an Dich geht, sondern auch an Kolleginnen und Kollegen aus der
systemischen Therapie.
Was ist der Kern des Briefes: es ist eine
deutliche Absage an Dich. Schon vor längerer Zeit habe ich mich innerlich
von Dir verabschiedet, nachdem ich lange sehr beeindruckt war. Dennoch
habe ich die vielen kritischen Berichte über Deine Äußerungen und Dein
Vorgehen, von denen ich mitbekam, anfangs für verzerrte und aus dem
Zusammenhang gerissene Formen der Berichterstattung gehalten. Später
versuchte ich, sie als Zeichen einer im Alter starrer werdenden Haltung zu
entschuldigen. Lange habe ich versucht, sie durch Schweigen zu übergehen.
Als das nicht mehr möglich wurde, weil mich immer wieder Menschen fragten,
was ich denn dazu sage, habe ich in vielen Gesprächen immer wieder
hervorgehoben, wie viel ich von dir gelernt habe, was ich an Dir schätze und
dafür plädiert, dass die offensichtlich kritikwürdigen Geschehnisse aus
vielen Berichten über Dich doch bitte nicht die Möglichkeit entwerten
sollten, Aufstellungsarbeit systemisch anzusehen und sie in einem anderen
Sinn und Geist zu vertreten.
Ich habe Dich verteidigt gegen Vorwürfe,
die in Deinen Konzepten die Rhizome faschistischen Denkens sehen und mehr
als einmal mein Bedauern darüber geäußert, dass Konzepte, die im Kontext
einer Ausbildung von hochqualifizierten
Therapeuten interessante und wertvolle Anregungen bieten, durch den
Showcharakter von Großveranstaltungen entwertet werden. Ich sehe es heute
als Fehler an, dass ich Dich 1995 zu einer solchen nach Bremen eingeladen
habe, und so selbst mit dazu beigetragen habe, dass es durch diese Art der
Präsentation zu einer Inflationierung Deiner
Konzepte kam. Ich denke, dass Du durch den ungeheuren Zulauf den Sinn für
Maßstäbe verloren hast und so droht nun alles kaputtzugehen, was Du
aufgebaut hast, ja vielleicht noch mehr, denn Hunderte, vielleicht sogar
noch mehr der Therapeuten, die sich in ihrem Vorgehen auf Dich berufen,
berufen sich auch auf die Systemische Therapie. Mit dem Buch "Zweierlei
Glück" wurde Dein Ansatz als systemischer Ansatz markiert und ist mit diesem
Modell seither verbunden.
Ich bin Vorsitzender der Systemischen
Gesellschaft, eines der beiden großen Dachverbände für systemische Therapie
und so ist mir das auch jenseits persönlicher Betroffenheit und
Enttäuschung alles andere als einerlei. Wir haben uns von der SG aus bemüht,
differenziert Stellung zu beziehen und nicht in die undifferenzierte Kritik
oder ignorante Polemik einzustimmen, die bei vielen Kritikern zu beobachten
ist. Es ging uns darum, deutlich die Grenze zu markieren zwischen einer
Aufstellungsarbeit, die mit systemisch-konstruktivistischem Denken vereinbar
ist und einer, die diesem nicht entspricht und nicht passt. Und dennoch es
rumort und gärt weiter in der "systemischen Szene" und ich erlebe es wie
eine Spaltungsdynamik, die von Dir ausgeht die immer stärker werdende
Polarisierung macht mir ernstlich Sorgen.
Nun kommt noch etwas Aktuelles dazu. Ein
Kollege mailt mir einige Internetadressen, in
denen ich Aussagen von Dir lese wie:
"(Das) jüdische Volk (findet) erst
dann seinen Frieden mit sich selbst, mit seinen arabischen Nachbarn und mit
der Welt, wenn auch der letzte Jude für Hitler das Totengebet gesprochen hat" (aus:
Mit der Seele gehen, 2001, S. 50
Und eine "Rede an Hitler": "Wenn
ich dich achte, achte ich auch mich. Wenn ich dich verabscheue,
verabscheue ich auch mich. Darf ich dich dann lieben? Muss ich dich
vielleicht lieben, weil ich sonst auch mich nicht lieben darf?" (aus:
"Gottesgedanken", S. 247).
Gleichzeitig sehe ich Fotos, wie
Du in die ehemalige Reichskanzlei in Berchtesgaden, Dein aktuelles
Wohnhaus einziehst.
Dazu fällt mir nun wirklich nichts mehr
ein. Oder vielmehr: es fällt mir doch eine Menge ein! Ich erinnere mich
etwa daran, wie enttäuscht ich war, als mein israelischer Freund, dem
ich Dein Aufstellungsvideo über die Arbeit mit Holocaustopfern und ihren
Nachkommen gegeben hatte, mir sagte, er habe aus Empörung über Dich und
Deine Arroganz das Band nicht zu ende sehen
können. Heute denke ich, ich habe mich in Dir getäuscht (und dafür muss
ich natürlich selbst die Verantwortung übernehmen). Ich habe etwas nicht
sehen können, was er sehr scharf wahrgenommen hat ob Du nun sagen
wirst, er als Jude müsse sich erst noch vor seinen Eltern, beide
polnische KZ-Opfer verneigen oder gemäß der "Gottesgedanken" vor
Hitler? Bert, das geht zu weit! Deine Aussagen in der Rede sehe ich als
schwammige Wertaussagen, die in ihrer Allgemeinheit für alle Menschen
gelten, - jeder Mensch hat ein Recht auf die Anerkennung seines
Menschseins und auf Respektierung dieser, auch wenn er gerade dieses
Recht Millionen anderer Menschen verweigerte. Hitler bleibt Symbol für
die tiefsten und finstersten Verirrungen, in die ein Mensch in einer
besonderen historischen Situation hineingeraten und auch aktiv
hineingehen kann. Und es ist und bleibt verfehlt, dies zu relativieren,
durch welche Art von Begriffen und Beschreibungen auch immer.
Und so möchte ich heute Dir gegenüber
klar Position beziehen nicht versteckt
hinter allgemeinen Aussagen oder einer Verbandsstellungnahme. Ich muss
und will es sehr deutlich sagen: das, was ich in den letzten Jahren von
Dir gehört und mitbekommen habe, kann ich nicht mittragen weder die
krassen Kausalzuschreibungen, noch die unglaublich verkürzten Ideen über
psychosomatische Zusammenhänge, noch die Vorstellungen, einer "Wahrheit"
teilhaftig zu sein, noch die mehr und mehr allgemein werdenden Aussagen
über Männer und Frauen. Und nun Deine letzten Aussagen verbunden mit
dem Einzug in Hitlers Wohnhaus stellen sie in meinen Augen eine
unglaubliche Instinktlosigkeit dar. Das kann doch nicht sein! Ich fasse
es nicht! Meine Absage gilt jeder Form von absoluten und totalitären
Beschreibungen und in diese sehe ich Dich immer mehr hineingeraten.
Das Ganze wäre Deine Privatsache oder
eine Angelegenheit einer Gruppierung wie vielleicht einer Sekte. Doch
die Konzepte, die Du verwendest und propagierst, sind zum Teil aus der
systemischen Familientherapie gekommen, zum Teil werden sie in der
Öffentlichkeit mit ihr gleichgesetzt. Weißt Du, was Du der Systemischen
Therapie damit angetan hast? Wahrscheinlich wirst Du nun irgendetwas
Kluges sagen wie, dass Du nicht für das verantwortlich bist, was Deine
Schüler ach ich vergaß, Du hast ja keine aus dem machen, was Du
vertrittst. Nein, ich sehe Dich als verantwortlich! Du hast
Konzepte aufgegriffen und weiterentwickelt, die im Kontext
systemischer Therapie genutzt werden und die auch weiter nutzbar sind
sofern sie professionell sorgfältig und vorsichtig eingesetzt werden.
"Aufstellungsarbeit nach Hellinger" hat mit
systemischer Therapie, so wie ich sie verstehe, nichts zu tun! Die
Chance bestand und als ich Dich Ende der 80er Jahre kennen lernte,
dachte ich, dass es so werden würde -, dass diese Konzepte die
systemische Therapie um interessante Facetten erweitern würde, dass Du
einen Satz von Heuristiken im Sinne von Möglichkeiten anbieten
würdest, die helfen können, das Geschehen in Systemen besser zu
verstehen und darauf aufbauende Instrumente, die therapeutisch
hilfreich sind. Ich habe deshalb auch gegen manche Widerstände dafür
gesorgt, dass ein Abschnitt über diese Konzepte in das "Lehrbuch der
systemischen Therapie und Beratung" hineinkommt.
Und viele der Gedanken, die ich bei dir
kennengelernt habe, finde ich ja auch noch
heute anregend und oft auch als hilfreiche Möglichkeiten. Doch erlebe
ich, dass Du alles, was Du an Gutem aufgebaut hast, selbst entwertest,
indem Du durch unsägliche Kommentare, verbunden mit einer Attitüde von
Allwissenheit nicht nur Dich, sondern auch die systemische Therapie der
Lächerlichkeit und der Zwielichtigkeit anheim gibst. Das ist eigentlich
das, was ich am meisten bedaure: Du hättest die Psychotherapie als
Ganzes ein Stück weiterbringen können. Doch Deine Entwicklung ist
anders weiter gegangen.
tacuisses, Bert!
wohl
Offener Brief von Dr. Bertold Ulsamer an Dr. Arist von Schlippe
Sehr geehrter Herr Dr.
von Schlippe,
vor kurzem habe ich Ihren
offenen Brief an Bert Hellinger gelesen. Ihr
Brief schlägt unter meinen Kollegen große Wellen. Sicher
erhalten Sie auf diesen Brief eine Menge verschiedener Reaktionen.
Ich spüre, dass das
dieser Brief Ihnen nicht leicht gefallen ist. Ich respektiere Ihre
Entscheidung, sich von Bert
Hellinger zu distanzieren. Auch ich teile
einige Ihrer Ansichten zu kritischen
Punkte der Arbeit von Hellinger (die
Gefahren von Großveranstaltungen, der angemessene Umgang mit Klienten und die Tücke absoluter Aussagen.)
Aber darüber hinaus
zitieren Sie in Ihrem offenen Brief zwei Aussagen, die falsch oder
entstellt sind. Dadurch machen Sie diese
falschen Behauptungen weiter "zitierfähig", erhärten Sie sozusagen für die Öffentlichkeit.
Ich antworte darauf,
ebenfalls offen, als jemand der Familienaufstellungen "nach Bert"
macht. Denn ich fühle mich durch Ihren Brief implizit in die Nähe dieser
Aussagen gerückt. Ein gewisser Teil
der Öffentlichkeit verbindet mit Hellinger
allmählich faschistisches oder
antisemitisches Gedankengut. Ihr Brief ist da Wasser auf die Mühlen.
1. Sie zitieren als
Aussage von Hellinger: "(Das) jüdische Volk
(findet) erst dann seinen Frieden mit sich selbst, mit seinen arabischen
Nachbarn und mit der Welt, wenn auch der letzte Jude für Hitler das
Totengebet gesprochen hat" (aus: Mit der Seele gehen, 2001, S. 50) Ich
habe das Buch "Mit der Seele gehen" zusammen mit Harald Höhnen
herausgegeben. Es enthält ein mehrtägiges Gespräch mit Bert
Hellinger. Im Original lautet die von Ihnen
zitierte Passage so:
"Ich habe vor kurzem einen Brief bekommen, dem ein Artikel aus einer
homöopathischen Zeitschrift namens "Einblicke" beigelegt war Darin
beschreibt der Autor einen Workshop mit einem chassidischen Lehrer. Dieser Lehrer sagte eines Abends, dass das
jüdische Volk erst dann seinen Frieden mit sich selbst, mit seinen
arabischen Nachbarn und mit der Welt findet, wenn auch der letzte Jude
für Hitler das Totengebet gesprochen hat..
Das ist groß. Hier hören unsere gängigen Unterscheidungen von Gut und
Böse auf. Der Autor schildert weiter wie die Teilnehmer - die meisten
von ihnen waren Juden - diese Belehrung sprachlos und erschüttert
verließen. Am nächsten Morgen, immer noch durch diesen Satz zutiefst
verunsichert, trafen sie sich wieder, als einer der Teilnehmer, ein
Psychoanalytiker aus New York, dessen Familie von den
Nationalsozialisten ermordet worden war, in den Raum kam. Mit seinem
Eintreten veränderte sich die Atmosphäre der Gruppe, sein Gesicht
gezeichnet von Tränen und Kämpfen einer schlaflosen Nacht, strahlte
einen Frieden und ein Heil aus, und alle wussten, was er später
bestätigte, dass er an diesem Morgen, sich selbst besiegend, dieses
Totengebet für Adolf Hitler gesprochen hatte.
Ähnliches gilt auch für
die Therapie, insbesondere für das Familien-Stellen. Nur, wenn man
jenseits von Gut und Böse jeden in seinem Schicksal und in seiner
Verstrickung achten kann, ist diese Arbeit möglich..
Die Guten sind nicht weniger verstrickt als die Bösen. Und die Bösen
sind nicht mehr verstrickt als die Guten. Auf dieser Ebene sind sie
gleich."
Finden Sie diese
Verkürzung von Hellingers Ausführungen auf
Dir Zitat oben angemessen und legitim?
2. Sie sprechen vom aktuellen Wohnhaus Hellingers,
der ehemaligen Reichskanzlei. Hellinger wird
in den nächsten Monaten in sein neues Wohnhaus in Berchtesgaden
einziehen wird, das zur Zeit renoviert wird. Dieses Haus, das er gekauft
hat, ist nicht die Reichskanzlei. Als er seine alte, schon
gekündigte Mietwohnung verlassen musste und noch nicht in sein neues
Eigentum einziehen konnte, hat ihm, nach meinen Informationen, sein
Bauunternehmer die Reichskanzlei Domizil als Zwischenlösung für diese
Übergangszeit angeboten. Er hat diese Zwischenlösung angenommen. Wenn Sie das derartig heftig ablehnen, sagt das, meiner Ansicht nach,
viel über das deutsche Tabu-Thema "Hitler" aus, dem sich
Hellinger immer wieder von allen Seiten aus
nähert und genähert hat. Darüber hinaus bin ich nicht mit Ihrer
Sichtweise des Themas "Hitler" einverstanden. Sie zitieren
Hellinger in einer "Rede" an Hitler: "Wenn
ich dich achte, achte ich auch mich. Wenn ich dich verabscheue,
verabscheue ich auch mich. Darf ich dich dann lieben? Muss ich dich
vielleicht lieben, weil ich sonst auch mich nicht lieben darf?" (aus:
Gottesgedanken", S. 247). Ich habe auch hier nicht den Eindruck, dass
Sie dieses Buch in der Hand gehabt haben und das ganze Kapitel gelesen
haben. Dann würden Sie sehen, in welchem Rahmen dieser Versuch, das
Phänomen Hitler auf einer menschlichen Seite anzugehen, insgesamt steht.
Dabei stimme ich Ihnen zu: Man kann diesen Versuch (der in Ihrem Zitat
nur das Jesuwort "Liebe deinen Nächsten wie
dich selbst" beinhaltet) durchaus mehr oder weniger geglückt empfinden.
Sie schreiben: "Hitler bleibt Symbol für die tiefsten und finstersten
Verirrungen, in die ein Mensch in einer besonderen historischen
Situation hineingeraten - und auch aktiv hineingehen kann. Und es ist
und bleibt verfehlt, dies zu relativieren, durch welche Art von
Begriffen und Beschreibungen auch immer." Ich weiß nicht, ob ich Sie
vielleicht missverstehe. Aber so wie ich Ihre Aussage auffasse, rücken
Sie schon derartiges Bemühen in die Nähe unmoralischen (vielleicht haben
Sie auch ein besseres Wort) Handelns. Ich weiß nicht, wie Ihre Haltung gegenüber
Hitler und dem Dritten Reich ist, als Deutscher und als Therapeut. Kann
man mit der Prämisse "Keine Relativierung Hitlers!" die Behandlung des
Themas Hitler abschließen? Ich sehe darin vor allem die Ablenkung und Entlastung, die darin für
alle anderen Deutschen liegt. Meiner Ansicht nach kann Hitler durchaus
als Symbol benutzt werden, aber er ist auch ein Mensch. In meiner Arbeit
als Therapeut gehe ich davon aus, dass jeder diesen Hitler-Anteil, den
SS-Mann und die KZ-Wächterin in sich als Samen und Schatten trägt - und
natürlich möglichst nicht sehen will. Das, was Sie als Relativierung bezeichnen, lässt diese Einsicht näher
rücken. Leichter ist es, Hitler als Dämon und Symbol für das Böse zu
sehen als nach innen zu schauen. Leichter ist es Hitler als dämonischen
Verführer zu bezeichnen, anstatt diejenigen - Menschen wie du und ich -
anzuschauen, die sich gern haben verführen lassen.
Kein Wunder, dass Hellinger mit seiner
Auseinandersetzung mit Hitler in das deutsche Wespennest stochert. Was
er im Moment erntet, sind überwiegend blinde Reflexe und keine
inhaltliche Beschäftigung. Um sich der Auseinandersetzung zu entziehen,
ist es das Einfachste, Hellinger in eine
rechte Ecke zu rücken. Das wird nach Möglichkeit in der Öffentlichkeit
versucht. Dir Brief trägt weiter dazu bei!
Noch einmal im Originaltext aus "Mit der Seele gehen" die Fortsetzung
der obigen Passage. Höhnen: "Einmal
ganz konkret! Dann müssten wir Deutschen ja auch ein Totengebet für
Hitler sprechen. Was heißt das, was ist das?":
Dass man ihn aufnimmt in die Gemeinschaft, als einen von uns. Das heißt
es. Und zwar mit Mitleid. Das nimmt
nichts weg von der Schuld und von der Verantwortung. Aber man sieht, dass einer, der eine, solche
Schuld auf sich geladen hat, einen unendlich langen Weg hat, bis er Frieden findet. Viel länger
als die Opfer. Doch man kann ihn nicht ausklammern. Wo soll er denn hin?
Höhnen: "Also, ähnlich wie wenn ein Mörder in der Familie ist, der
jemanden in der Familie umgebracht
hat. Auch die gehören zusammen und auch die gehören zu uns."
Hellinger: "Genau. Man kann auch ihn nicht
ausklammern." Höhnen: "Und wie ist es, wenn wir uns dann zurückziehen?"
Hellinger: "Das geht bei Hitler nicht. Wir
müssen ihn aufnehmen." Sie schreiben weiter von Ihrer Enttäuschung, dass Ihren israelischer
Freund das Aufstellungsvideo über die
Arbeit mit Holocaustopfer empört hat. Auch das scheint mir als
eine Art abschließendes Urteil über diese
Arbeit von Hellinger unangemessen. Ich war als einer der wenigen nichtjüdischen
Teilnehmer in Tel Aviv dabei als Hellinger
dort sein erstes Aufstellungsseminar
durchführte. Die Spannung war gewaltig, als ein Deutscher, der noch dazu als Soldat im Dritten Reich
mitgekämpft hat, nach Israel kommt und sich dort der deutschen Schuld durch Aufstellung der
Täter und Opfer des Holocaust stellte. Ich finde diesen Mut und diesen Einsatz enorm, sich
Hitler auch auf diese Weise zu stellen.Übrigens:
Hellinger wurde auch ein zweites Mal wieder
dort hin eingeladen. Irgendwann später
wurde dann in Tel Aviv mit der ersten Ausbildungsgruppe zum Aufstellen
dort angefangen. Der Vorwurf an Bert
Hellinger, der
systemischen Therapie und der Psychotherapie zu schaden, fällt mit Ihrem
Brief meiner Ansicht nach auch auf Sie zurück. Zum Schluss: Da es so
aussieht, als ob Ihnen lateinische Zitate am Herzen liegen: "Audiatur
et altera pars", (Die andere Seite soll
ebenfalls gehört werden) ein Grundsatz aus der Rechtsprechung bei einer
Anklage und Verurteilung. Als Therapeut und Systemiker wissen Sie um die Relativität der jeweiligen Aussagen
und Behauptungen. Wenn Sie einen derartigen Bruch in die Öffentlichkeit
bringen, wäre es meinem Verständnis nach angemessen, sich nicht nur auf
irgendwelche Internet-Zitate zu stützen, sondern genau zu recherchieren
oder sogar mit dem Betreffenden vorher ein klärendes Gespräch zu führen.
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Dr. Bertold
Ulsamer
Offener
Brief von Thies Stahl an Arist von Schlippe
Quickborn, den 6. September 2004
Hallo, Arist,
wir haben über meine kritischen Anmerkungen zu Deinen
Brief an Bert (offener Brief von Arist von Schlippe an Bert Hellinger
vom 2. Mai 2004)
telefoniert. Daraufhin habe ich meine Formulierungen noch einmal
überarbeitet, da Du in ihrer ersten Version den Eindruck hattest, sie
seien belehrend und auch etwas süffisant.
Während ich meine Kritik vor diesem Telefonat
im Wesentlichen so zusammengefasst hatte, dass ich Deinem Brief als
inkonsequent und anmaßend erlebe, denke ich nach unserem Gespräch, dass
"belehrend" und vielleicht nicht "süffisant", aber selbstgefällig oder
selbstüberschätzend eventuell nicht nur für die Art meiner Kritik
zutreffende Bezeichnungen sind, sondern auch auch für die Art, in der Du
Bert Hellinger in Deinem Brief ansprichst. Wenn das so wäre, wäre ich
wohl genau im dem Muster geblieben, das ich eigentlich an Deinem Brief
kritisieren wollte.
Ich gehe aber trotzdem das Risiko ein, meine Kritik an
Deinem Brief öffentlich zu machen, denn obwohl ich sowohl die Arbeit von
Hellinger als auch die der Mitglieder Deiner systemischen Gesellschaft
zu wenig kenne, um auf der Ebene Eurer
mitreden oder
mit unterschreiben zu können oder zu wollen, kann ich deutlich sagen,
dass ich die Art, in der Du ihn in Deinen offenen Brief kritisierst,
nicht in Ordnung finde.
Du sagst, Kern dieses Briefes sei eine
"deutliche Absage" an Bert. Trotz des Zusatzes "deutlich" verwendest Du
den Begriff Absage unscharf. Über den ganzen Brief hinweg wird nicht
deutlich, was Deine Absage eigentlich konkret beinhaltet. Sagst Du ihm
ab, ihn jemals (wieder) in Dein Haus einzuladen? Oder wieder mit ihm zu
reden? Oder ihn zu einem Kongress einzuladen? Oder kündigst Du ihm
seinen Platz in Deinem Lehrbuch? Oder ist es eine eher prophylaktische
Absage, falls Hellinger als (Ehren)Mitglied in die Systemischen
Gesellschaft aufgenommen werden möchte (als deren Vorsitzender Du ja
explizit auch sprichst)? Oder eine Art Vorankündigung, dass neue
Mitglieder sich schriftlich von Hellinger distanzieren müssen, wenn sie
als Mitglieder dieser Gesellschaft aufgenommen werden wollen? Oder ist
es die Kündigung eines speziellen persönlichen Schutzes, den Du ihm
gegenüber Kollegen, Studenten und Gesellschafts-Mitgliedern bisher
vielleicht gewährt hast? Dieses Fehlen des Was macht die Absage für mein
Verständnis inkonsequent.
Du sagst, Du hättest Hellinger "verteidigt
gegen Vorwürfe, die in Deinen Konzepten die Rhizome faschistischen
Denkens sehen". Dann greifst Du das Thema Faschismus wieder auf und
gibst ihm einen zentralen Platz in Deinem Brief. Zunächst vermittelt
über Deinen israelischen Freund, den Du als Menschen einführst, der
aufgrund seines persönlichen Schicksals eine Art natürlicher Autorität
ist, etwas zum Thema (verdeckter) Faschismus zu sagen. Da Du Dich in
Hellinger "getäuscht" hättest, hättest Du in seiner Arbeit mit
Holocaustopfern etwas nicht sehen können, was dieser Freund "scharf
wahrgenommen" hätte. Was genau das ist, lässt Du vielsagend offen.
Arist, ich finde nicht, dass Du in Bezug auf den von Dir breit in den
Raum gestellten Faschismus-Vorwurf eine "klare Position" beziehst, eher
eine versteckte, irgendwo hinter Deinem jüdischen Freund.
Dann sprichst Du von der "Arroganz"
Hellingers, wieder vermittelt über ein Zitat Deines Freundes. Die
Anführungszeichen zu sichern gibst Du Dir keine Mühe, etwa mit 'etwas,
was er am Verhalten oder Auftreten Hellingers wahrgenommenen hat,
empfindet mein Freund als Arroganz'. Wenn ich mit Bekannten und Kollegen
über Deinen Brief spreche, dann höre ich immer wieder, wie mutig viele
Deinen Brief finden. Auf mich wirkt es aber so, als würdest Du Dich
hinter Deinem Freund verstecken. Insofern finde ich Deine "deutliche
Absage" recht undeutlich - und auch ein bisschen feige.
Auch undeutlich bleibt Deine
sachlich-begründete Meinung für mich hinter Deinen anmaßend, da auf mich
nicht nur belehrend, sondern zurechtweisend wirkenden Äußerungen "Ich
habe mich in Dir getäuscht" und "Bert, das geht zu weit". Das scheint
mir eher eine Pseudo-Abgrenzung zu sein als das Beziehen einer "klaren
Position", ein ostentativer, persönlich-emotionaler Befreiungsschlag,
noch ganz im Stadium verstrickter Empörung. Dein Brief liest für mich
noch nicht wie das gut durchdachte Resultat einer langen
Auseinandersetzung mit einer außergewöhnlichen, für die Geschichte der
Psychotherapie und für die Gemüter der Menschen wichtigen Figur, die als
"Phänomen Hellinger' oder Person Bert wichtige Positionen der
eigenen therapeutischen Orientierung ebenso tangiert wie sie
unbefriedigte gesellschaftliche Bedürfnisse nach ordnenden, Halt und
Sinn stiftenden Ritualen, nach Eindeutigkeit und kraftvoller Führung
anspricht.
Eine Integration, eine wirkliche dialektische
Aufhebung theoretisch (oder eben auch menschlich) gegensätzlicher
Prämissen und Vorgehensweisen ist jedenfalls beim Beziehen einer solchen
Art von Position noch nicht in Sicht. Es fehlt etwas Konstruktives,
Erhellend-Erfreuendes, Zukunftweisendes (wie ich es z.B. in den
Systemischen Strukturaufstellungen von Varga von Kibéd und Sparrer sehen
kann, deren "syntaktisierende" Ansätze zeigen, wie man die semantischen
Verengungen von Hellingers Stil vermeiden und gleichzeitig wesentliches
seiner Vorgehensweisen bewahren kann).
Und, Arist, ich kenne und schätze Dich lange
und schon aus früheren Gestalt- und Satir-Zeiten. Daher interessiert
mich Deine Meinung: Findest Du es faschistisch, was Bert da tut und
sagt? Oder zu wenig reflektiert? Oder zu eitel und/oder egoistisch?
Findest Du, Bert hat eine große, aber für viele Kollegen schwer
verdaubare Lust am Provozieren, eine diebisch bis diabolische Freude an
einem guruhaften Anti-Guru-Spiel, das seine ihm an den Lippen hängende
Nicht-Schülerschaft immer wieder genauso anregt wie abgrundtief
verunsichert? Oder ist er die personifizierte Versuchung für Systemiker,
sich der Lust am Vereinfachen und an klaren Durchsagen hinzugeben - der
man absagen, oder sogar abschwören muss, bevor man ihr ganz erliegt?
Oder meinst Du, er sei ein von der Wucht seiner eigenen Ideen
fasziniertes, möchtegern-philosophisches und selbstverliebtes
Plappermaul (was die "si tacuisses"- Schlussformel Deines Briefen nahe
legen könnte)? Oder hattest Du, wie ich auch schon mal, den Gedanken,
dass er vielleicht (ungefragt und daher wohl auch anmaßend) etwas für
uns alle auf sich nimmt? Für uns alle, die wir vielleicht manchmal ganz
froh sind, dass es kein Grab, Denk- oder Mahnmal, Mausoleum oder
ähnliches von Hitler gibt, weil wir diese Lücke, dieses Nichts, ganz
gerne als Leinwand benutzen, um den eigenen inneren Faschisten darauf zu
projizieren? Wobei Hellingers Einzug in besagtes, real vorhandenes Haus
uns jetzt vielleicht stört?
Mit solchen Fragestellungen habe ich mich
auseinandergesetzt. Aber meine Bemühungen, dabei zu einer "klaren
Position" zu kommen, sind wahrscheinlich noch genau so wenig druckreif
wie Deine. Ich bin neugierig auf eine fundierte Abhandlung dazu aus
(dann wirklich) systemischer Sicht - die Bert Hellinger, Dich/mich/uns
und unsere (die systemische, die Aufstellungs-, die NLP- und anderen)
"Szenen" mit einschließen. Und auch all unsere unerkannten großen und
kleinen inneren Faschisten.
Du sagst Deine "Absage gilt jeder Form von
absoluten und totalitären Beschreibungen", in die Du Hellinger "immer
mehr hineingeraten" siehst. Ich sehe Dich da (hoffentlich
temporär) in unsystemisches Denken und Urteilen hineingeraten. "In etwas hineingeraten" ist für ein systemisch vernetztes Ganzes, an
dem Du und ich und wir alle in unserer Gesellschaft beteiligt sind, eine
recht unsystemische (Symptom)Beschreibung. Wie co-erzeugen wir das, was
wir dann so wahrnehmen, als sei es ein von uns isoliert betrachtbares
Etwas (wie ein Ding oder Naturereignis), in das Menschen
"hineingeraten"? Und (co)konstruieren wir nicht z.B. mit unausgegorenen
Hellinger-Kritiken dieses Etwas, in das wir dann zusammen mit Bert
"hineingeraten"?!
Auch Deine Äußerung "Bert, das geht zu weit",
eingebettet in eine diffuse Kündigungsdrohung in Bezug auf eine über den
ganzen Brief unklar bleibende Zugehörigkeit, kommt mir auch nicht gerade
wie eine Wirklichkeitsbeschreibung zweiter Ordnung vor: Aufgrund ihrer
vielen Tilgungen (Wem alles geht es in welcher Weise zu weit, was wer in
welchem Kontext wie genau macht? Gemessen an welchen Kriterien und
aufgrund welcher durch wen und wie - oder in welcher Weise sich selbst -
erteilten Beurteilungsvollmacht?) ist sie selbst eine kleine "absolute
und totalitäre Beschreibung", die mir so vorkommt, als hätte sie das
Zeug, sich zu einer totalitär-fundamentalistischen Entwicklung von
Ausblendung, Abspaltung und Ausgrenzung zu entwickeln.
Ganz problematisch finde ich Deine Äußerung,
" ...eine Spaltungsdynamik, die von Dir (Bert) ausgeht". Eine
Systemdynamik, die einseitig von einem Element des Systems ausgeht?! Das
könnte man, aus der Feder eines altgedienten, aber eben persönlich
involvierten Systemikers, einfach für eine echte Stilblüte halten. Aber
je länger ich über diese kleine Nebenbemerkung in Deinem Brief nachdenke
- sie wird ja nicht aus einer hitzigen Debatte eines
Systemiker-Stammtisches, sondern aus einer offiziellen Verlautbarung des
Vorsitzenden der Systemischen Gesellschaft zitiert werden - desto mehr
kommt sie mir als Beispiel für genau die Art von Unachtsamkeit im
Kleinen vor, die Du Bert im Großen (sehr indirekt, aber deutlich)
vorwirfst: Du wolltest damit doch nicht etwa sagen, Hellinger sei für
die "systemische Szene" so etwas wie ein "zersetzendes Element'? Wie ein
Spaltpilz, den man loswerden muss, bevor er die von Dir beschworene,
aber unscharf definierte Einheit der systemischen Szene "polarisiert"?
Den man ausgrenzen muss, bevor er der Gemeinschaft des auserwählt -
systemischen Volkes Schaden zufügt?!
Ob Du Bert als nun als zu der "systemischen
Szene" (überhaupt oder noch) dazugehörig erlebst oder nicht (was in
Deinem Brief unklar bleibt), problematisch ist diese Äußerung in jedem
Fall: Aus meiner Sicht ist sie ein Beispiel für eine
unerkannt-alltägliche, aber in der Anlage schon faschistische Spielart
des Wahrnehmens, Denkens und Redens, für die wir alle anfällig
sind: Die (eben unsystemische) Wahrnehmung einer linear-kausalen
Verursachung eines für die eigene Gemeinschaft bedrohlich erlebten
Ungemachs wird als Zuschreibung einseitiger Schuld an einen "Verursacher"
artikuliert, verbunden mit einer Aufkündigung von Gesprächsbereitschaft
und Zugehörigkeit und - dann eben allzu oft - mit tatsächlicher
Ausgrenzung (deren wohl schlimmste Form eben der deutsche Faschismus
hervorgebracht hat, mit dem unangemessen umzugehen Du Bert vorhältst).
Vielleicht findest Du diesen Punkt
überinterpretiert. Aber wenn ich Deinen Brief als Mahnung verstehe,
gegenüber faschistischem Denken und Handeln eindeutig und vor allem auch
frühzeitig Position zu beziehen, dann gilt das auch für seine
allerkleinsten Anfänge, derer wir uns alle immer wieder und täglich auf
Neue zu erwehren haben. Dieser alltägliche Faschismus in unserem Denken
ist wohl deshalb so präsent, weil er seine Wurzeln eben im systemisch
unsauberen Denken hat - bevorzugt natürlich dann, wenn wir in
persönlicher Betroffenheit über Systeme nachdenken, denen wir selbst als
Element angehören.
Wenn es, wie Du sagst, in der "systemischen
Szene weiter 'rumort und gärt'", dann ist das aus meiner
Sicht ein gutes Zeichen dafür, dass diese Szene lebt und gesund ist.
Vielleicht ist es eine Gemeinschaft, in der sich viele Kulturen zum
integrativen Wohl des Ganzen mischen. Und, was wäre schlimm daran, wenn
neben den beiden etablierten Systemischen Gesellschaften weitere
Gruppierung entstünden - wenn sie untereinander im Dialog bleiben und
keine Vernichtungskrieg führen? So lange etwas gärt, ist auch
noch etwas unausgegoren und kann reifen. Vielleicht ein
ganz neuer systemischer Geist, einer, aus dem heraus keine
Hellinger-Kritiken mehr verfasst werden, die mehr von dem erzeugen, was
sie zu bekämpfen vorgeben.
Ich finde Deinen Brief auch etwas
größenwahnsinnig. Was für ein erleuchteter Philosoph oder weiser alter
Mann bist Du denn, um Hellinger zu sagen, er hätte besser schweigen
sollen?! Selbst wenn dieses "Hättest Du doch geschwiegen" (... wärst Du
Philosoph geblieben) von Dir versöhnlich-augenzwinkernd gemeint wäre,
würde es auf mich immer noch vermessen wirken, denn Du spricht mit einem
Angehörigen der Generation unserer Väter. Sie wurden als Kinder mit der
Begründung zum Töten geschickt, es auch aus Liebe zu Hitler zu tun! Wenn
Du etwas nicht verstehst und nicht fassen kannst, solltest vielleicht Du
besser schweigen - solange, bis Du sicher bist, wirklich genug
gefragt zu haben. Ich habe es nicht. Aber ich weiß, dass sich für uns
die Frage, ob, und wenn wie, die Worte "Liebe" und "Hitler" in einen
Satz passen oder nicht, anders stellt als für unsere Väter.
So liest sich denn Dein Brief für mich im
Wesentlichen wie eine Absage Deiner Bereitschaft, ernsthaft zu fragen
und neugierig zu sein - gegenüber Bert und auch gegenüber denjenigen,
die bewegt nicken, wenn er spricht. Wie schade, wo Du doch gerade
bekannt dafür bist, Dialoge zu wagen, die über den Tellerrand strenger
Schulenzuordnung und falsch verstandener reiner Lehren hinausgehen.
Wirklich selbstüberschätzend finde ich es,
wenn Du zu Bert Hellinger sagst, "Du hättest die Psychotherapie als
Ganzes ein Stück weiterbringen können. Doch Deine Entwicklung ist anders
weiter gegangen." Wie willst Du, als (jüngerer) Zeitgenosse eine Aussage
über die "Psychotherapie als Ganzes" machen. Du bist mit Haut und Haaren
in sie verstrickt und tust so, als hättest Du die Meta-Perspektive, eine Perspektive wie sie, wenn auf Erden überhaupt,
vielleicht in hundert Jahren einmal einem großen Geist zusteht
- zumindest einem größeren als wir beide heute zusammen einer sein
können.
Als wir telefonierten sagtest Du, Du fändest
Hellinger in seinem Tun und Reden nicht faschistisch. Dein offener Brief
kann aber sehr anders verstanden werden, wie ich gezeigt habe -
vielleicht nicht mit einer aus Deiner Sicht angemessenen Begründung -
aber doch immerhin mit der in diesen Zeilen wohl deutlich gewordenen
Heftigkeit meiner Reaktion auf Deinen offenen Brief. Vielleicht ist ein
zweiter offener Brief von Dir an Bert angebracht - oder vielleicht eine
Einladung zu einer offenen Korrespondenz.
In der Hoffnung, dass unsere Beziehung diesen
Disput aushält (wir haben uns schließlich 1977 schon einmal herzhaft
gerauft und wieder vertragen)
Thies
Co-Zeitgenosse und auch verstrickt
Offener Kommentare von
Gottfried zur Potsdamer Erklärung
Juli 2004
Liebe Unterzeichner der Potsdamer Erklärung,
Es mag alles ganz selbstverständlich
erscheinen, weil man heutzutage halt so denkt, aber stimmt es auch?
Nachdem ich dieser Erklärung bekommen
habe, einige Anmerkungen dazu:
Natürlich verstehe ich das Anliegen,
nämlich eine Methode objektivierbar zu machen aber wie soll etwas für
jemand benützbar sein, dem die
Voraussetzungen dafür fehlen, der es eben nicht schafft, die Perspektive
einzunehmen, in der sich die Lösung zeigt - wofür sonst sollten
beispielsweise Schüler der Meditation Jahrzehnte üben, bevor sich ihnen
eine spirituelle Perspektive öffnet - wenn das für jeden Studenten, der
ein paar Bücher gelesen und ein paar Kurse besucht hat, möglich sein
soll?
Das allerdings irgendwelchen
Ausbildungskandidaten zu sagen, die Geld für ihr Zertifikat zahlen, ist
natürlich hart. Da greift man lieber den mysteriösen
Hellinger an.
Einiges mehr zwischen den Zeilen:
"Potsdamer Erklärung zur
systemischen Aufstellungsarbeit"
von Gottfried
Hutter kommentierte Version -
Die
Arbeit mit szenischen Darstellungen und Aufstellungen hat in der
Familientherapie und der systemischen Therapie eine lange Tradition. Sie
wurzelt u.a. in therapeutischen Techniken,
wie sie in der Familienskulpturarbeit oder im Psychodrama entwickelt
wurden. In der von Bert Hellinger
praktizierten Form ist sie in breiteren Kreisen als jemals zuvor bekannt
geworden. Bedauerlicherweise hat sich Hellinger
dabei immer mehr von der originär systemischen Arbeit entfernt.
Hellingers Verdienst bleibt es, dazu
beigetragen zu haben, die Aufstellungsarbeit zu verdichten. Vor allem
was die mögliche Auflösung von Verstrickungsdynamiken anbetrifft, hat er
neue und innovative Vorgehensweisen entwickelt. Heute sehen wir jedoch
den Punkt gekommen, an dem nicht nur wesentliche Teile der Praxis von
Bert Hellinger - und vieler seiner Anhänger
- , sondern auch viele seiner Aussagen und
Vorgehensweisen explizit als unvereinbar mit grundlegenden Prämissen
systemischer Therapie anzusehen sind, etwa
die Vernachlässigung
jeder Form von Auftragsklärung und Anliegenorientierung
die Verwendung
mystifizierender und selbstimmunisierender
Beschreibungen ("etwas Größeres", "in den Dienst genommen"
u.ä.)
Die "Anonymen
Alkoholiker" überwinden mit derartigen Beschreibungen tatsächlich ihre
Sucht natürlich nichts für Aufgeklärte, die lieber nichts überwinden,
als sich etwas Größerem unterzuordnen.
die Nutzung
uneingeschränkt generalisierter Formulierungen und dogmatischer
Deutungen ("immer, wenn", "schlimme Wirkung", "mit dem Tode bestraft",
"der einzige Weg", "das Recht verwirkt" u.ä.).
Die Frage ist, ob es
das gibt, was diese Formulierungen bezeichnen oder nicht, nicht ob diese
Formulierungen generalisiert sind oder nicht.
der Einsatz potentiell
demütigender Interventionen und Unterwerfungsrituale
Hier ist die Frage, ob
diese Rituale eine Wende bewirken können oder nicht und nicht ob sie
eventuell als demütigend aufgefasst werden können.
die angeblich zwingende
Verknüpfung der Interventionen mit bestimmten Formen des Menschen- und
Weltbildes (etwa in Bezug auf Genderfragen,
Elternschaft, Binationalität u.a.)
Anstatt diese
Behauptungen generell abzulehnen, wäre zu empfehlen, sie im Einzelfall
zu prüfen.
die Vorstellung, über
eine Wahrheit verfügen zu können, an der eine Person mehr
teilhaftig ist als eine andere. Dies führt zu der Verwendung
verabsolutierender Beschreibungsformen und impliziert, dass keine
partnerschaftliche Kooperationsbeziehung angestrebt wird.
Es gibt eben
unterschiedliche Perspektiven, die unterschiedliche Aussichten eröffnen,
das zu leugnen erscheint mir nicht sehr hilfreich. Es ist erforderlich
die verengte Perspektive zu erweitern, nicht aber sie als
gleichberechtigt zu betrachten oder soll der Therapeut, um Partner sein
zu können, die aussichtslose Perspektive des Patienten einnehmen?
Im
Gegensatz dazu beziehen wir uns auf viele Beispiele und
Ausdifferenzierungen von Aufstellungsarbeit, die im Rahmen eines
systemisch-konstruktivistischen Therapieverständnisses und vor dem
Hintergrund einer tragfähigen und verantwortlichen therapeutischen
Beziehung durchgeführt wird. Wir verstehen diese als konstruktive
Versuche, dieses bereits bewährte therapeutische Werkzeug weiter zu
entwickeln und auch, es zunehmend mehr wissenschaftlicher Überprüfung zu
unterziehen. Insofern wehren wir uns auch gegen undifferenzierte Kritik
an dieser Form von Praxis. Aufstellungsarbeit "jenseits von
Hellinger" sollte sich als therapeutisches
Instrument weiterentwickeln, doch die enge Verbindung mit seinem Namen
ist heute nicht mehr aufrechtzuerhalten.
Natürlich geht es nicht darum Hellinger
nachzubeten, sondern diese Perspektive selbst einzunehmen und selbst zu
sehen. Daher ist sowohl "nach" wie "jenseits" von Hellinger ein Zeichen fehlender eigener Sicht.
Im
Juli 2004
Diese Erklärung wird unterstützt von (Name, Anschrift, Unterschrift)
Bitte nachrichtlich per E-Mail an:
schlippe@uos.de
Wem soll die Verteufelung Hellingers dienen?
Mit freundlichen Grüßen
Gottfried
Hutter
Bert
Hellinger, Adolf Hitler und der Nationalsozialismus
von Wilfried Nelles
Bei Berchtesgaden, auf dem Obersalzberg,
hatte Adolf Hitler sein Ferienquartier. In dem Haus, das seiner
Lebensgefährtin Eva Braun gehörte, verbrachte er oft mehrere Wochen.
Währenddessen mussten die Regierungsgeschäfte natürlich weiter gehen,
und dazu gab es, neben den Hauptbüros auf dem Berghof, wo Hitler mit
seinen engsten Gefolgsleuten arbeitete, unten im Tal einen kleinen
Ableger der Reichskanzlei, in dem einige Beamte den Kontakt zwischen
Berlin und der "Dienststelle Berchtesgaden" aufrechterhielten. Diese
Außenstelle der Reichskanzlei fiel nach dem Krieg in den Besitz der
US-Armee und nach deren Abzug Ende
der 90er Jahre an den Bund, der es dann an einen Unternehmer verkaufte,
der es umbauen und zu Wohnzwecken verkaufen oder vermieten
sollte. Dies geschah, mehrere Mieter (insgesamt 14 Parteien) zogen ein
und wohnen dort, und niemand nahm Anstoß daran. Warum auch?!
Dann
geschah etwas, so scheint es, ganz und gar Unerhörtes: Bert Hellinger
zog dort ein zwar
nur vorübergehend und aus einer unvorhergesehenen Wohnungsnotlage
heraus, bis sein neues Haus bezugsfertig war, aber das reichte: Es wurde
zum Skandal erklärt. "Report München" filmt ihn, wie er das Haus
verlässt, und stellt eine ideologische Verbindung zwischen ihm und
Hitler her, "die tageszeitung" lässt drei Mitarbeiter an seine Tür
klingeln, die Rechenschaft von ihm verlangen und monieren, dass
Hellinger ihnen keinen Einlass in seine Privatwohnung gewährt, als hätten sie eine Art öffentlichen
Untersuchungsauftrag, und betiteln ihren Artikel mit "Das
Psycho-Hauptquartier". Selbst im eigenen Lager wendet man sich ab -
Psychotherapeuten, die mit Hellingers Methode arbeit(et)en, greifen ihn
in öffentlichen Erklärungen an,
und so genannte Freunde distanzieren sich öffentlich oder privat von ihm oder verlangen Erklärungen.
Klar ist: was Jedermann darf, darf Hellinger
noch längst nicht. Warum? Weil er sich zum Nationalsozialismus und zu
Adolf Hitler in einer Weise geäußert hat, an der viele Anstoß nehmen.
Jetzt wird, auch unter dem Einfluss einer öffentlichen Kampagne, die von
dem Publizisten und Lobbyisten Colin Goldner (der einem Gerichtsurteil
zufolge als "besessener Fanatiker"
bezeichnet werden darf) schon vor Hellingers Einzug in die frühere
Reichskanzlei initiiert wurde, ohne näheres Hinsehen geschlussfolgert,
dass Hellinger ein Nazisympathisant sei und dort eingezogen sei, um sich
von Hitlers Geist inspirieren zu lassen. Was ist da dran?
Bert
Hellinger war Priester, dann Psychotherapeut mit Schwerpunkt
Primärtherapie, dann hat er sich zur Familientherapie hingezogen gefühlt und hat
schließlich das Familien-Stellen entwickelt, eine Methode, die seit
Beginn der 90er Jahre die Familientherapie revolutioniert und inzwischen
weltweit Beachtung findet. Mit dem Thema Nationalsozialismus hat er sich
nie besonders befasst, und politische Statements hat er immer abgelehnt.
Ihn hat immer nur das Persönliche interessiert.
Neben vielen anderen Themen tauchten aber in
den Familienaufstellungen immer häufiger Themen auf, die mit der
deutschen Geschichte zusammenhingen. Es wurde sehr bald klar, dass die
Kinder, Enkel und Urenkel von Opfern wie von Tätern des 3. Reiches immer
noch unter dem litten, was ihre Vorfahren erlitten oder als Täter
verbrochen hatten. So musste sich jeder Familien-Steller auch, aber
nicht nur Bert Hellinger - diesem Thema stellen. Hellinger
ging dabei als Begründer der
Methode allen anderen voran.
In
den ersten Jahren wurden bei einer solchen Aufstellung die
Stellvertreter der Täter aus dem Raum geschickt. Das sollte
deutlich machen, dass sie durch ihre schlimme Tat ihren Platz in der
Familie verwirkt hatten und sich ganz allein ihrer Schuld stellen
mussten. Allerdings war auch damals schon klar, dass die Nachkommen nur
zur Ruhe kamen und seelischen Frieden fanden, wenn sie ihre Väter (die
Täter) nicht verdammten, sondern auf jedes Urteil verzichteten. In
diesem Sinne verabschiedeten sich Kinder oder Enkel von ihren Vätern
oder Großvätern, indem sie sich als Kind vor ihnen verneigten und
gleichzeitig die Schuld und die Konfrontation damit den Tätern selbst
überließen, ohne sich einzumischen. Zugleich mussten sie sich vor den
Opfern ihrer Vorfahren verneigen. Dies galt auch für die Nachkommen der
Opfer: Auch sie konnten nur Frieden finden, wenn sie auf Anklage oder
Rache verzichteten.
Dies zeigte sich ganz deutlich in den
Aufstellungen, egal, wer sie leitete, und egal, wie sich die Teilnehmer
der Kurse zusammensetzten. Es war auch kein deutsches Thema - auch in
anderen Ländern zeigten sich die gleichen Dynamiken und Lösungen, wenn
es um Täter und Opfer und deren Nachkommen ging. Für viele
Aufsteller-Kollegen, die überwiegend ein links-liberales Weltbild hatten
und zum Teil selbst aus Opferfamilien stammten, machte dies eine
intensive und oft schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer
hergebrachten Einstellung erforderlich. Wer sich - wie vor allem Bert
Hellinger - dem stellte, was die Aufstellungen, oft völlig überraschend,
ans Licht brachten, konnte sich dieser Auseinandersetzung nicht
entziehen.
In der Aufstellungsarbeit geht es um
Versöhnung - zunächst mit dem persönlichen Schicksal, dann mit dem
Familienschicksal, und schließlich auch mit dem kollektiven Schicksal.
Die Versöhnung mit dem, was ist und was war, bringt die Seele in
Frieden.
Ende der neunziger Jahre entdeckte Hellinger
dann, dass die Versöhnung noch tiefer geht, wenn man den Täter nicht aus
der Gemeinschaft (der Familie oder des Volkes) entlässt, sondern ihm wie
jedem anderen seinen Platz lässt. Es zeigte sich nämlich in einer
Aufstellung in Spanien, bei der sich Vertreter beider Parteien des
Bürgerkriegs gegenüber standen, dass diese, nachdem sie sich zunächst
unversöhnlich gegenüber standen oder in ihrem Schmerz zu Boden sanken,
plötzlich von selbst aufeinander zugingen und sich schließlich innig
umarmten. Daraus schloss Hellinger, dass es im Tod eine Ebene gibt, wo
alles, was im Leben getrennt war oder sich unversöhnlich gegenüber
stand, vorbei sein kann, und wo Täter und Opfer sich als Menschen
begegnen und das, was einst geschah, einfach hinter sich lassen und
vergessen. Dies wandte er dann auch auf die Täter und Opfer des
Nationalsozialismus an, und wer die Aufstellungen miterlebte, war meist
von der Tiefe der Lösungen zutiefst bewegt, zugleich aber auch in seiner
geistigen Haltung erschüttert.
Es gibt also jenseits der Täter-Opfer-Ebene
eine weitere Ebene, auf der alle Menschen nur Menschen sind - und damit
gleich. Das ist keine Nivellierung: Täter bleiben Täter und Opfer
bleiben Opfer, aber sie sind nicht nur Täter und Opfer, sie sind
darüber hinaus auch noch vieles andere - liebende Väter und Mütter, gute
(oder schlechte) Ehemänner und -frauen, mit einem Wort: Menschen. Und
nach einer gewissen Zeit zählt nur noch das.
Aus diesen empirischen Beobachtungen zog
Hellinger drei Schlüsse:
1) Eine wirkliche Versöhnung muss den Täter
einbeziehen. Nicht in der Weise, dass man ihm verzeiht, sondern in der
Weise, dass man ihn einfach als Menschen anschaut. Die Opfer selbst
können dies, wie viele Aufstellungen zeigen, offenbar besser als
diejenigen, die für sich in Anspruch nehmen, für die Opfer zu sprechen
oder zu handeln. In Bezug auf den Nationalsozialismus bedeutet dies,
dass wir anerkennen müssen, dass alle Täter, Hitler eingeschlossen und
an erster Stelle, Teil unseres Volkes sind und dort als Menschen
dazugehören dürfen wie alle anderen.
2) Das heißt auch, dass die Verdammung
aufhören muss. Auch das Schlimmste muss eines Tages vorbei sein dürfen,
sonst wirkt es im kollektiven Unbewussten unheilvoll weiter. "ErInnern"
heißt, etwas nach innen, in sich hinein nehmen und als zugehörig zu sich
betrachten. Das Erinnern, das hierzulande gepflegt wird, ist tatsächlich
ein Entäußern - anstatt unsere ganze Geschichte in uns hinein zu nehmen
und die Täter als zugehörig zu betrachten, projizieren wir das Böse nach
außen und sperren die Täter aus der Gemeinschaft aus. Wenn die
Geschichte jedoch wirklich "er-innert" ist, kann sie vorbei sein und
ruhen. Dann sollte man sie auch vergessen. Verweigert man ihr diese
Ruhe, wirkt sie im Unbewussten unheilvoll fort. Dies gilt für Täter und
Opfer gleichermaßen.
3) Täter und Opfer handeln nicht frei und
autonom, sondern sind beide einer größeren, schicksalhaften Bewegung
unterworfen, die sie in ihren Dienst nimmt und zu dem gemacht hat, was
sie geworden sind. Das bedeutet aber nicht, dass sie für ihr Handeln
nicht verantwortlich sind und nicht die Folgen dafür tragen müssten.
Diese letzte Schlussfolgerung ist sicher sehr
gewagt ich selbst habe vor Jahren eine intensive Diskussion mit
Hellinger darüber geführt. Es ist eine philosophische Position, die eine
gewisse empirische Evidenz für sich in Anspruch nehmen kann, aber sicher
auch mit guten Gründen bestritten werden kann. Sie ist aber nicht
moralisch verwerflich, und sie bedeutet nicht, dass Hellinger damit
alles rechtfertigt. Bei dieser wie bei den beiden ersten
Schlussfolgerungen handelt es sich um philosophisch begründete
Sichtweisen, die eine ernsthafte und unpolemische Auseinandersetzung
verdient hätten.
Wenn es, wie alle Religionen behaupten, einen
letzten Grund für alles gibt, dann ist dieser letzte Grund auch der
Grund und die Quelle für alles, was wir "böse" nennen. In diesem Sinne
sind dann auch Hellingers Ausführungen über "Hitler" in dem Buch
"Gottesgedanken" zu verstehen, die viele als Beleg für eine ideologische
Nähe missverstehen: "Wenn ich dich achte, achte ich auch mich. Wenn ich
dich verabscheue, verabscheue ich auch mich. Darf ich dich dann lieben?
Muss ich dich vielleicht lieben, weil ich sonst auch mich nicht lieben
darf?"
Es gibt, so Hellinger, hinter allem eine
gemeinsame Quelle oder Ursache (die Religionen nennen sie "Gott"), und
wenn ich Hitler verdamme, verdamme ich auch die Quelle, und da wir alle
der gleichen Ursache entstammen, verdamme ich auch mich. Aber genauso,
wie er ihn nicht verdammt, preist er ihn auch nicht - Hellinger enthält
sich einfach jedes Urteils und überlässt Adolf Hitler der Geschichte
bzw. der Ursache, die ihn wie alles, was ist, hervorgebracht hat: "Daher
bin ich von dir frei, und du bist frei von mir.... Daher vergesse ich
dich und entlasse dich aus meinen Gedanken und meinem Gefühl, auch aus
meiner Liebe oder Achtung, und aus meinem Urteil ..."
Juli 2004
Dr. Wilfried Nelles
Burgstr. 13a
53947 Nettersheim-Marmagen
Der ARD-Bericht über
Bert Hellinger
Bert Helliger in
der Darstellung von Medien. Hier ist ein Link zum Bericht in Report,
München, 19. April 2004 :
www.br-online.de/daserste/report/archiv/2003/00079/
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